Projekt Sterbealterschätzung - The Basel Project

Skelette beinhalten eine Vielzahl an Informationen zu der individuellen Lebenssituation, wie z.B. zur Ernährung, Gesundheit, Arbeitsbelastung oder zum Geschlecht und Sterbealter. Insofern lassen sich Skelette als Bioarchive bezeichnen und sie "konservieren" Informationen aus vergangenen Zeiten.

Forschungsgruppen
Prof. Dr. James W. Vaupel (Max-Planck-Institut für Demografische Forschung)
Dr. Gerhard Hotz (Naturhistorisches Museum Basel)

vollständige Liste aller beteiligten Wissenschafter siehe unten

Im menschlichen Skelett erhalten sich Informationen zur individuellen Lebensgeschichte wie die  Gesundheitssituation oder das Sterbealter. Demnach lassen sich Skelette auch als Bioarchiv bezeichnen und sind mit den Dokumenten eines Archivs vergleichbar. Für schriftlose Epochen repräsentieren diese knöchernen Zeugnisse unserer Vorfahren die einzige Informationsquelle zur demographischen und gesundheitlichen Situation unserer Urahnen.

Die identifizierten Skelette der Spitalfriedhof St. Johann-Serie (siehe Grabung St. Johann unten) sind eine solch einzigartige Informationsquelle, insbesondere wenn anthropologische Methoden überprüft werden sollen. Diese Menschen, deren Existenz für uns nur durch ihre knöchernen Zeugnisse präsent ist, werden in respektvoller und pietätsbewusster Weise im Naturhistorischen Museum untersucht und aufbewahrt.

In einer Kooperation mit dem Max-Planck-Institut für Demografische Forschung Rostock und dem Naturhistorischen Museum Basel haben sich Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus 17 Institutionen und sieben Nationen zusammengeschlossen. Ihr Ziel ist es, bestehende anthropologische Sterbealtersschätzmethoden zu evaluieren. Solche Analysen sind eine unerlässliche Basis für die wissenschaftliche Erforschung historischer Bevölkerungen.

An hundert ausgewählten Skeletten der Serie „Spitalfriedhof St. Johann Basel“ wurden insgesamt zehn Methoden der anthropologischen Sterbealtersschätzung angewandt. Dabei wurden die morphologische Veränderungen an Schädel, Becken und Langknochen untersucht. Eine weitere wichtige Informationsquelle bildeten die Zähne: hier wurden unter dem Mikroskop die jährlich gebildeten Zementringe an der Zahnwurzel gezählt.

Mit jeder der ausgewählten Methode bestimmten jeweils zwei Forscher unabhängig voneinander das Sterbealter der Skelette. Zusätzlich zu den hundert Sterbealtersschätzungen wurde jedes zweite Skelett ein weiteres Mal untersucht. Dadurch lassen sich die Methoden nicht nur bezüglich ihrer Zuverlässigkeit zum bekannten Sterbealter evaluieren, sondern auch überprüfen, inwieweit bei „blind“ durchgeführten Doppeldiagnosen die einzelnen Wissenschaftler dieselben Resultate erzielen. Ebenso wurden die Unterschiede der Sterbealtersschätzungen innerhalb einer Methode zwischen den Wissenschaftlern untersucht. In einem ersten Workshop wurden im April 2006 die Resultate dieser umfassenden Studie vorgestellt und das weitere Vorgehen der wissenschaftlichen Analysen diskutiert. Diese ersten Auswertungen verdeutlichen, wie komplex es doch ist, eigentlich altersbedingten, aber eben auch von den Lebensbedingungen beeinflussten Veränderungen am menschlichen Skelett eindeutig ein Alter in Lebensjahren zuzuordnen.

Grabung St. Johann
In den 80er Jahren wurde der Grünpark St. Johann geplant. Deshalb wurde in den Jahren 1988/89 der in diesem Areal liegende Spitalfriedhof des 1842 neugegründeten Bürgerspitals von der Archäologischen Bodenforschung Basel-Stadt ausgegraben. Im Zeitraum von 1845 bis 1868 wurden dort insgesamt 2’561 Personen bestattet, wovon 1’061 freigelegt werden konnten. Aufgrund der im Staatsarchiv Basel-Stadt vorhanden Dokumente und Pläne konnte ein Grossteil der Bestatteten identifiziert werden. Dadurch sind uns Name, Herkunft, Beruf, Sterbealter und Todesursache bekannt. Diese aussergewöhnliche Quellenlage erlaubt Forschungen in verschiedensten Bereichen, wie der Sozial-, Medizin- und Gesundheitsgeschichte einer städtischen Bevölkerung der frühindustriellen Zeit.


Foto: Skelett aus Grabung St. Johann
Spitalfriedhof St. Johann, Grab 1602 Die Skelette des Spitalfriedhofes waren in der Regel gut erhalten. Auf der Photographie erkennt man das vollständige Skelett eines 64jährigen Mannes, der in Rückenlage beigesetzt wurde. Foto © Archäologische Bodenforschung Basel


Liste aller beteiligte Wissenschafter

Boldsen, Jesper
  (University of Odense, DK)
Buckberry, Jo
  (University of Bradford, GB)
Chamberlain, Andrew
  (University of Sheffield, GB)
Cunha, Eugénia
  (Universidade de Coimbra, PT)
Doppler, Stephanie
  (Ludwig-Maximilians-Universität München, DE)
Edel, Andreas
  (Max-Planck-Institut für Demografische Forschung Rostock, DE)
Fabig, Alexander
  (Max-Planck-Institut für Demografische Forschung Rostock, DE)
Gampe, Jutta
  (Max-Planck-Institut für Demografische Forschung Rostock, DE)
Griffin, Rebecca
  (University of York, GB)
Grosskopf, Birgit
  (Georg-August-Universität Göttingen, DE)
Grupe, Gisela
  (Ludwig-Maximilians-Universität München, DE)
Herbst, Heidi
  (Ludwig-Maximilians-Universität München, DE)
Holman, Darryl
  (University of Washington, US)
Hotz, Gerhard
  (Naturhistorisches Museum Basel, CH)
Ýþcan, Mehmet Yaþar
  (Istanbul University, TR)
Kakaliouras, Ann
  (Appalachian State University, US)
Kemkes, Ariane
  (Johannes Gutenberg-Universität Mainz, DE)
Konigsberg, Lyle W.
  (University of Tennessee, US)
George R. Milner
  (Pennsylvania State University, US)
Prince, Debra A.
  (JPAC Central Identification Laboratory, Hickam, US)
Prokopenko, Sergeiy
  (Max-Planck-Institut für Demografische Forschung Rostock, DE)
Vaupel, James. W.
  (Max-Planck-Institut für Demografische Forschung Rostock, DE)
Weise, Svenja
  (Max-Planck-Institut für Demografische Forschung Rostock, DE)
Wittwer-Backofen, Ursula
  (Alberts-Ludwig-Universität Freiburg, DE)



Kontakt
Naturhistorisches Museum Basel
Dr. Gerhard Hotz
Wissenschaftlicher Mitarbeiter Geowissenschaften
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Tel +41 61 266 55 45
Fax +41 61 266 55 46
E-Mail gerhard.hotz@bs.ch